Mundpflege ist Pneumonieprophylaxe. Das ist nicht übertrieben – es ist durch Evidenz belegt. Die Keimbelastung in der Mundhöhle ist der wichtigste modifizierbare Risikofaktor für eine Aspirationspneumonie. Was aspiriert wird, ist gefährlicher, wenn die Mundhöhle massiv bakteriell besiedelt ist. Konsequente Mundpflege reduziert das Pneumonierisiko bei dysphagischen Patienten nachweislich.
Das bedeutet: Mundpflege ist nicht Hygiene am Rande – sie ist ein therapeutisches Element der Dysphagietherapie. Und weil du sie nicht zweistündlich selbst durchführen kannst, ist die Schulung von Pflege und Angehörigen eine deiner wichtigsten Aufgaben.
Mundpflege bei Dysphagie: warum sie Pneumonieprophylaxe ist
Eine Aspirationspneumonie entsteht nicht allein dadurch, dass etwas in die Atemwege gelangt. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus was aspiriert wird, wie viel und wie gut die Abwehr funktioniert. Bei Menschen mit Dysphagie wird nicht nur Nahrung aspiriert, sondern vor allem Speichel – häufig unbemerkt, auch nachts und ohne Hustenreaktion (stille Aspiration). Ist die Mundhöhle stark mit Belägen und pathogenen Keimen besiedelt, gelangt mit jedem aspirierten Speichelanteil eine entsprechend hohe Keimlast in die unteren Atemwege.
Mundpflege setzt genau hier an: Sie senkt die Keimlast des Speichels. Die Aspiration selbst verhindert sie nicht – aber sie macht das, was aspiriert wird, weniger gefährlich. Deshalb ist sie bei jeder Person mit Aspirationsrisiko Teil der Therapie, unabhängig davon, ob sie oral isst oder nicht.
Klinisch gut belegt ist dieser Zusammenhang durch Langmore et al. (1998): In ihrer Untersuchung zu Prädiktoren der Aspirationspneumonie war Dysphagie allein kein ausreichender Prädiktor. Vielmehr trugen Faktoren wie Abhängigkeit bei der Mundpflege, Abhängigkeit beim Essen, der Zahnstatus und Sondenernährung zum Risiko bei. Für die Praxis heißt das: Wer Hilfe bei der Mundpflege braucht und Aspirationszeichen zeigt, gehört zur Hochrisikogruppe – und braucht eine verlässlich organisierte Mundpflege.
Physiologie: Warum Mundpflege so wichtig ist
Ein gesunder Mensch produziert täglich 500 bis 1500 ml Speichel, schluckt ihn regelmäßig und reinigt damit Mundhöhle und Rachen kontinuierlich. Dieser Selbstreinigungsmechanismus ist bei Dysphagiepatienten gestört: reduzierte Schluckfrequenz, Mundatmung, Xerostomie, Immobilität und eingeschränkte Mundmotorik führen zu Sekretretention und erhöhter Keimbelastung.
Besonders relevant: Bei enteraler Ernährung entfällt der mechanische Reinigungseffekt des Kauens vollständig. Der Speichel verbleibt im Mund, trocknet ein, und die Keimbelastung steigt weiter. Mundpflege wird damit umso wichtiger, je weniger der Patient oral isst.
Spezielle Mundpflege und therapeutische Mundpflege: der Unterschied
Im klinischen Alltag laufen zwei Begriffe nebeneinander, die oft vermischt werden. Spezielle Mundpflege ist ein Begriff aus der Pflege: die Mundpflege bei Menschen, die ihre Mundhygiene nicht selbst durchführen können oder ein erhöhtes Risiko für Mundschleimhautprobleme haben – etwa bei Bewusstseinsminderung, Nahrungskarenz, Fieber, Sauerstofftherapie oder Bettlägerigkeit. Ziel ist eine saubere, feuchte, intakte Mundhöhle.
Therapeutische Mundpflege stammt aus der Fazio-Oralen Trakt-Therapie (F.O.T.T.) nach Kay Coombes. Sie verfolgt dieselben hygienischen Ziele, nutzt die Mundpflege aber zusätzlich als strukturiertes therapeutisches Angebot: geführte Kontaktaufnahme, gezielte intra- und extraorale Stimulation, Tonusregulation, Anbahnung von Zungen- und Schluckbewegungen. Mehr zur Einordnung findest du bei den restituierenden Maßnahmen.
| Merkmal | Spezielle Mundpflege | Therapeutische Mundpflege |
| Herkunft | Pflege | F.O.T.T. (Coombes) |
| Hauptziel | Hygiene, Schleimhautschutz, Infektionsprophylaxe | Hygiene plus Stimulation, Wahrnehmung, Anbahnung des Schluckens |
| Vorgehen | Standardisierte Reinigung von Zähnen, Zunge, Schleimhaut, Lippen | Strukturierter Ablauf mit Kontaktaufnahme, geführten Bewegungen und Beobachtung der Reaktionen |
| Durchführung | Pflegefachpersonen, angeleitete Angehörige | Geschulte Therapeutinnen und Pflegefachpersonen |
| Schluckreaktion | Nebeneffekt | Wird bewusst provoziert und beobachtet |
In der Praxis ist die Grenze fließend: Gute spezielle Mundpflege bei Menschen mit Dysphagie übernimmt Elemente der therapeutischen Mundpflege – vor allem die angepasste Positionierung, den sparsamen Umgang mit Flüssigkeit und die Kontaktaufnahme.
Durchführung der therapeutischen Mundpflege
Sicherheitscheck bei Aspirationsrisiko
- Vigilanz einschätzen: Ist die Person wach genug, um Speichel und Spülflüssigkeit zu kontrollieren?
- Absaugbereitschaft herstellen, wenn Sekretmanagement und Husten unsicher sind: Absauggerät funktionsfähig, Absaugkatheter bzw. Saugeraufsatz griffbereit.
- Bei Trachealkanüle: Cuff-Status kennen und Absprache mit Pflege/Ärzteschaft, ob vor der Mundpflege oral und ggf. subglottisch abgesaugt werden soll.
- Flüssigkeit so sparsam wie möglich: Kompressen und Zahnbürste nur anfeuchten, keine Spülungen bei unsicherer Schluckfunktion.
Vorbereitung
Lagerung: Am besten am Waschbecken im Rollstuhl oder auf einem Stuhl sitzend. Wenn nicht möglich, aufrechte Position im Bett (≥ 60°). Flach liegend ist therapeutische Mundpflege nicht möglich – Aspirationsrisiko.
Achte zusätzlich auf eine leichte Kopfvorneigung und stabile Rumpf- und Kopfposition (Kissen, Armauflage). Eine Kopfreklination öffnet den Atemweg und begünstigt das Abfließen von Flüssigkeit in den Rachen. Details zur Positionierung findest du unter Haltung und Mobilisation.
Kontaktaufnahme: Beginne an den Händen, führe über Arme, Schultern, Nacken und Hinterkopf zum Gesicht. Dieses Vorgehen bereitet den Patienten auf den Kontakt vor, reduziert Abwehrreflexe und Beißreflexe bei vigilanzgeminderten Patienten.
Material: Einmalhandschuhe, Zahnbürste, frisches Wasser, je nach Vigilanz Zahnpasta oder verdünntes Mundwasser (Salviathymol, milder Pfefferminztee), Kompressen 10×10 cm, Spuckschale oder leerer Becher.
Optional, aber empfehlenswert: Schwamm mit Absaugmöglichkeit, Zahnbürste mit Absaugmöglichkeit – besonders bei vigilanzgeminderten Patienten und bei Patienten mit schwerster Dysphagie.
Ablauf
Schritt 1 – Sekretentfernung: Kompressen oder Saugerschwamm in frisches Wasser tauchen und leicht ausdrücken – feucht, nicht tropfnass. Sekret aus der Mundhöhle mit ausstreichenden Bewegungen nach vorne wischen oder direkt absaugen. Wangentaschen, Zungengrund und Gaumen nicht vergessen.
Schritt 2 – Zahnpflege: Mit Zahnbürste (ggf. mit Zahnpasta bei kooperativen Patienten, sonst mit warmem Tee befeuchten) alle Zahnflächen und das Zahnfleisch mit Druck reinigen. Anschließend ausspucken lassen – wenn nicht möglich, Saugerzahnbürste oder Kompressenabwischen.
Bei Aspirationsrisiko bewährt sich eine weiche Zahnbürste mit kleinem Kopf und nur einer geringen Menge schaumarmer Zahnpasta. Die Zahnbürste ist das zentrale Instrument: Plaque lässt sich nur mechanisch zuverlässig entfernen – Wischen allein reicht dafür nicht.
Schritt 3 – Zungenreinigung: Zunge mit feuchtem Schwamm oder Kompresse längs und quer reinigen. Verborkungen von posterior nach anterior herauswischen.
Hartnäckige Beläge und Borken nicht mit Gewalt ablösen, sondern zuerst befeuchten und einweichen lassen (z. B. mit Speichelersatz-Gel) und in mehreren Durchgängen entfernen. Gelöste Borken sofort aus dem Mund holen – sie sind aspirierbare Fremdkörper.
Schritt 4 – Lippenpflege: Lippen mit Kompressen reinigen, dann mit Fettcreme pflegen (Augensalbe, Nasensalbe oder Lippenbalsam). Bei sehr trockenen Lippen schuppt die Schleimhaut – konsequente Pflege ist entscheidend.
Zahnprothesen
Prothesen vor der Mundpflege herausnehmen und außerhalb des Mundes mit Prothesenbürste reinigen (am besten über einem mit Wasser gefüllten Becken, damit sie beim Herunterfallen nicht brechen). Prothesenlager, Gaumen und Kieferkämme separat reinigen und auf Druckstellen oder Pilzbefall inspizieren. Bei vigilanzgeminderten Personen oder schlecht sitzenden Prothesen klären, ob die Prothese eingesetzt bleiben soll – eine lockere Teilprothese kann selbst zum Aspirationsrisiko werden. Die Lagerung erfolgt nach Herstellerangabe.
Nachbereitung
Aufrechte Position noch einige Minuten beibehalten, Restflüssigkeit absaugen oder auswischen, auf Husten, Räuspern, gurgelnde Stimme oder Atemveränderung achten. Auffälligkeiten (Blutungen, Beläge, Druckstellen, Schmerzen) dokumentieren und weitergeben.
Therapeutischer Zusatznutzen
Die Mundpflege ist nicht nur Hygiene, sondern auch sensorische Stimulation. Verschiedene Geschmacksrichtungen, Temperaturen und Texturen können gezielt eingesetzt werden: Patienten, die früher gern Kaffee getrunken haben, reagieren oft positiv auf intraoralen Kaffeegeschmack. Kamillentee, milder Pfefferminztee, leicht saure Reize – all das dient gleichzeitig der Stimulation oraler Sensibilität und der gustatorischen Aktivierung.
Häufigkeit
Alle zwei Stunden – das ist ein gängiger Richtwert für infektgefährdete Hochrisikopatienten in der Akutversorgung. Dreimal täglich ist für Pflegeheime und ambulante Settings als Minimum realistisch. Einmal täglich ist zu wenig.
Das setzt voraus, dass Pflege und Angehörige die Durchführung kennen und beherrschen. Deine Aufgabe: einmal gründlich zeigen, einmal beobachten während sie es durchführen, Rückfragen klären. Schriftliche Anleitungen (als Handout oder als Poster am Bett) helfen.
Hilfsmittel im Überblick
| Hilfsmittel | Einsatz |
| Schwamm mit Absaugmöglichkeit | Sekretentfernung und Befeuchten bei Patienten ohne aktive Mitarbeit |
| Zahnbürste mit Absaugmöglichkeit | Zahnreinigung bei Patienten, die nicht ausspucken können |
| Kompressen 10×10 cm | Sekretabwischen, Zungenreinigung, Lippenpflege |
| Amylaseresistente Andickungsmittel | Wenn Wasser für Mundpflege angepasst werden muss (Aspirationsrisiko) |
| Fettcreme / Augensalbe | Lippenpflege, Schleimhautpflege bei Xerostomie |
| Künstlicher Speichelersatz | Bei schwerer Xerostomie (nach Bestrahlung) zur Befeuchtung |
Mundpflegestäbchen, Swabs und Zitronenstäbchen: fachliche Bewertung
Gerade in der Langzeitpflege sind Einmalstäbchen weit verbreitet. Sie haben ihren Platz – aber nicht als Ersatz für die Zahnbürste.
| Hilfsmittel | Geeignet für | Grenzen und Risiken |
| Schaumstoffstäbchen (Swabs, Mundpflegestäbchen) | Befeuchten, Auswischen lockerer Sekrete, Auftragen von Speichelersatz, Komfortpflege | Entfernen festhaftende Plaque nur unzureichend; ersetzen die Zahnbürste nicht. Der Schaumstoffkopf kann sich bei Beißen oder Zug lösen – daher nur intakte Stäbchen verwenden, nicht befeuchtet lange liegen lassen und Kopf vor Gebrauch prüfen. |
| Zitronen-Glycerin-Stäbchen (Lemon Sticks) | Allenfalls kurzfristig als Geschmacksreiz | Glycerin kann der Schleimhaut Feuchtigkeit entziehen, die Säure kann Schleimhaut reizen und Zahnschmelz angreifen; die anfängliche Speichelanregung lässt bei längerem Gebrauch nach. Für die regelmäßige Mundpflege werden sie in der Fachliteratur und von Fachgesellschaften in der Regel nicht empfohlen. |
| Absaugzahnbürste | Zahnreinigung bei Menschen, die nicht ausspucken können oder Sekret nicht kontrollieren | Benötigt Absauganschluss; Einweisung des Personals nötig |
| Weiche Silikon- oder Dreikopfzahnbürste | Abwehrverhalten, empfindliches Zahnfleisch, eingeschränkte Mundöffnung | Reinigungsleistung abhängig von der Technik |
Antiseptische Lösungen (z. B. Chlorhexidin) gehören nicht zur Routine bei jeder Mundpflege, sondern nur nach ärztlicher oder zahnärztlicher Anordnung. Bei Aspirationsrisiko gilt für alle Lösungen: so wenig wie möglich, auf Kompresse oder Bürste aufgetragen statt gespült.
Mundpflege bei besonderen Patientengruppen
Bewusstseinsgeminderte Patienten: Kein Wasser oder Flüssigkeiten, die aspiriert werden können. Kompressen nur leicht angefeuchtet. Saugerschwamm bei Sekretmengen.
Tracheotomierte Patienten: Erhöhtes Risiko durch subglottische Sekretaspiration. Konsequente Mundpflege ist hier Standardversorgung. Absaugung des subglottischen Sekrets (wenn Trachealkanüle mit subglottischer Absaugmöglichkeit vorhanden) ergänzend sinnvoll.
Patienten mit Xerostomie (nach Bestrahlung): Fehlendem Speichelfilm durch regelmäßige Befeuchtung und künstlichen Speichelersatz begegnen. Kariesprophylaxe besonders wichtig. Siehe auch Dysphagie bei Kopf-Hals-Tumoren.
Demenzkranke: Abwehr und Beißreflexe sind häufig. Langsame Kontaktaufnahme, bekannte Bezugspersonen wenn möglich. Weiche Silikonzahnbürsten reduzieren unangenehmen Stimulus. Mehr zum Umgang mit Abwehrverhalten findest du unter Dysphagie bei Demenz.
Nach Schlaganfall: Speisereste und Sekret sammeln sich bevorzugt in der Wangentasche der betroffenen Seite, oft ohne dass die Person es spürt. Kontrolliere diese Seite gezielt und leite Betroffene an, die Wangentasche selbst mit der Zunge oder dem Finger zu kontrollieren (siehe Dysphagie nach Schlaganfall).
Mundpflege bei Sondenernährung und npo: auch ohne Essen nötig
Ein verbreiteter Irrtum: „Wer nichts isst, braucht kaum Mundpflege.“ Das Gegenteil trifft zu. Bei Nahrungskarenz (npo) und bei Ernährung über nasogastrale Sonde oder PEG fehlen Kauen, Geschmacksreize und die damit verbundene Speichelanregung. Die Mundhöhle trocknet aus, Beläge und Borken bilden sich schneller, und die Keimflora verändert sich. Da Speichel weiterhin aspiriert werden kann, bleibt die Pneumoniegefahr bestehen – auch wenn keine Nahrung oral gegeben wird. Sondenernährung schützt daher nicht automatisch vor einer Aspirationspneumonie.
Gerade bei npo-Patientinnen ist die Mundpflege oft die einzige regelmäßige orale Stimulation des Tages – und damit eine Chance, Wahrnehmung und Schluckbewegungen anzuregen.
Mundpflege bei Bettlägerigen und Schwerstpflegebedürftigen
Bei bettlägerigen Menschen ist die Positionierung der kritische Punkt. Kopfteil hochstellen, Oberkörper mit Kissen stabilisieren, Kopf leicht nach vorne geneigt. Ist eine aufrechte Position nicht möglich, kann eine Seitenlage mit leicht erhöhtem Oberkörper helfen, dass Flüssigkeit aus dem Mund herausläuft statt in den Rachen. Arbeite mit sehr wenig Flüssigkeit, halte Absaugung bereit und plane ausreichend Zeit ein – Hektik erhöht Abwehr und Aspirationsrisiko. Beachte auch die Mundpflege nach Phasen auf der Intensivstation, wenn die Mundhöhle durch Intubation und Mundatmung vorgeschädigt ist.
Mundpflege in der Palliativsituation
In der palliativen Versorgung verschiebt sich das Ziel: Im Vordergrund stehen Komfort, Linderung von Mundtrockenheit und Lebensqualität – nicht mehr primär die Pneumonieprophylaxe. Mundtrockenheit gehört zu den häufigsten belastenden Symptomen am Lebensende; das Durstgefühl lässt sich oft durch Mundbefeuchtung wirksamer lindern als durch Flüssigkeitszufuhr.
- Häufige, kleine Befeuchtung statt seltener, gründlicher Reinigung: Sprühflasche, Pipette, angefeuchtete Kompresse oder Schaumstoffstäbchen – hier hat das Stäbchen seinen sinnvollen Platz.
- Wunschgeschmack nutzen: Lieblingsgetränke (Kaffee, Saft, Tee, auch Bier oder Wein, sofern ärztlich nichts dagegen spricht) in kleinsten Mengen zur Mundbefeuchtung oder gefroren in kleinen Stücken anbieten.
- Lippen und Mundwinkel regelmäßig mit Fettcreme oder Lippenbalsam pflegen.
- Beläge, Soor oder schmerzhafte Läsionen ärztlich abklären lassen – Schmerzen in der Mundhöhle sind behandelbar.
- Die Wünsche der Person haben Vorrang: Lehnt sie Mundpflege ab, wird das respektiert und auf minimale Komfortmaßnahmen reduziert.
Das Aspirationsrisiko bleibt dabei real. Die Abwägung zwischen Genuss und Risiko wird im Team und mit Betroffenen bzw. Angehörigen getroffen und dokumentiert. Angehörige können in der Palliativsituation gut in die Mundbefeuchtung eingebunden werden – für viele ist das eine wertvolle Möglichkeit, etwas Konkretes beizutragen.
Behandlungsplan für die Mundpflege: ein Musterbeispiel
Mundpflege wirkt nur, wenn sie zuverlässig stattfindet. Ein schriftlicher Mundpflegeplan klärt, wer was wann macht. Das folgende Beispiel ist ein Muster, kein verbindlicher Standard – Häufigkeit, Material und Zuständigkeiten passt du an die Person, das Setting und die Vorgaben deiner Einrichtung an.
| Bereich | Beispiel-Eintrag |
| Ausgangslage | Schwere Dysphagie nach Schlaganfall, npo, PEG, Speichelaspiration in der FEES, Hilfe bei der Mundpflege nötig |
| Ziel | Saubere, feuchte, intakte Mundhöhle; Reduktion der Keimlast; orale Stimulation |
| Position | Sitzend im Rollstuhl oder Oberkörper ≥ 60°, Kopf leicht vorgeneigt |
| Gründliche Mundpflege | Mehrmals täglich (z. B. morgens, mittags, abends) mit Zahnbürste, Zungen- und Lippenpflege |
| Zwischendurch | Befeuchtung und Sekretentfernung nach Bedarf, bei Mundtrockenheit häufiger |
| Material | Weiche Zahnbürste bzw. Absaugzahnbürste, schaumarme Zahnpasta (geringe Menge), Kompressen, Speichelersatz-Gel, Lippenpflege |
| Sicherheit | Absaugung griffbereit, keine Spülungen, Flüssigkeit nur über Kompresse oder Bürste |
| Prothese | Nach jeder gründlichen Mundpflege außerhalb des Mundes reinigen; Einsatz nach Rücksprache |
| Zuständigkeit | Pflege: tägliche Durchführung; Logopädie: Anleitung, therapeutische Mundpflege in der Therapieeinheit, Anpassung des Plans; Angehörige: nach Schulung ergänzend |
| Beobachtung | Beläge, Borken, Blutungen, Soor, Druckstellen, Schmerz, Abwehr, Husten während der Pflege |
| Dokumentation | Durchführung, Auffälligkeiten und Reaktionen im Pflegebericht; Überprüfung des Plans in festgelegten Abständen und bei Zustandsänderung |
Ergänze den Plan bei Bedarf um Angaben zu geeigneten adaptiven Maßnahmen (z. B. Andickung der Flüssigkeit für die Mundpflege) und hänge eine kurze Bildanleitung am Bett aus.
Für pflegende Angehörige: Mundpflege zu Hause
Wenn Ihr Angehöriger Schluckprobleme hat, ist die tägliche Mundpflege eine der wirksamsten Maßnahmen, die Sie selbst übernehmen können. Ein sauberer Mund senkt das Risiko, dass Keime über verschluckten Speichel in die Lunge gelangen und eine Lungenentzündung auslösen.
- Sorgen Sie für eine aufrechte Sitzposition, der Kopf ist leicht nach vorne geneigt – niemals im flachen Liegen.
- Verwenden Sie eine weiche Zahnbürste und nur wenig Zahnpasta. Spülen Sie nicht mit einem Glas Wasser, wenn sich die Person leicht verschluckt – wischen Sie stattdessen mit einer feuchten Kompresse nach.
- Denken Sie an Zunge, Wangentaschen, Gaumen und Lippen. Zahnprothesen werden herausgenommen und separat gereinigt.
- Auch wenn Ihr Angehöriger über eine Sonde ernährt wird und nichts isst, ist Mundpflege täglich und mehrmals nötig.
- Lassen Sie sich die Mundpflege von der Logopädin, dem Logopäden oder der Pflege zeigen und probieren Sie es unter Anleitung aus.
Wenden Sie sich an das Behandlungsteam bzw. die Hausärztin oder den Hausarzt, wenn Sie weiße Beläge, Blutungen, Wunden, starke Mundtrockenheit oder Schmerzen bemerken oder wenn Ihr Angehöriger nach der Mundpflege häufig hustet, Fieber bekommt oder schlechter Luft bekommt. Was im Notfall bei akutem Verschlucken zu tun ist, lesen Sie unter Akute Aspiration – was tun?
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… und ausführlicher:
Häufige Fragen zur Mundpflege bei Dysphagie
Warum ist Mundpflege bei Schluckstörungen so wichtig?
Menschen mit Dysphagie aspirieren häufig Speichel, oft unbemerkt. Je stärker die Mundhöhle bakteriell besiedelt ist, desto mehr Keime gelangen dabei in die Lunge. Konsequente Mundpflege senkt diese Keimlast und ist damit ein zentraler Baustein der Pneumonieprophylaxe.
Was ist der Unterschied zwischen spezieller und therapeutischer Mundpflege?
Spezielle Mundpflege ist die pflegerische Mundpflege bei Menschen, die sie nicht selbst durchführen können oder besonders gefährdet sind. Therapeutische Mundpflege aus der F.O.T.T. nutzt die Mundpflege zusätzlich zur Stimulation, Wahrnehmungsförderung und Anbahnung des Schluckens.
Sind Mundpflegestäbchen oder Zitronenstäbchen geeignet?
Schaumstoffstäbchen eignen sich zum Befeuchten und Auswischen, entfernen Plaque aber nicht zuverlässig und ersetzen die Zahnbürste nicht. Zitronen-Glycerin-Stäbchen können die Schleimhaut austrocknen und reizen und werden für die regelmäßige Mundpflege in der Regel nicht empfohlen.
Braucht man Mundpflege, wenn jemand über eine Sonde ernährt wird?
Ja. Ohne Essen fehlen Kauen und Speichelanregung, der Mund trocknet aus und Beläge bilden sich schneller. Speichel kann weiterhin aspiriert werden – Mundpflege ist deshalb auch bei Sondenernährung und Nahrungskarenz mehrmals täglich nötig.
Wie oft sollte die Mundpflege durchgeführt werden?
Mindestens dreimal täglich gründlich, bei Hochrisikopatienten in der Akutversorgung deutlich häufiger, dazwischen Befeuchtung nach Bedarf. Die konkrete Häufigkeit legt das Team im individuellen Mundpflegeplan fest.
