Mundpflege ist Pneumonieprophylaxe. Das ist nicht übertrieben – es ist durch Evidenz belegt. Die Keimbelastung in der Mundhöhle ist der wichtigste modifizierbare Risikofaktor für eine Aspirationspneumonie. Was aspiriert wird, ist gefährlicher, wenn die Mundhöhle massiv bakteriell besiedelt ist. Konsequente Mundpflege reduziert das Pneumonierisiko bei dysphagischen Patienten nachweislich.
Das bedeutet: Mundpflege ist nicht Hygiene am Rande – sie ist ein therapeutisches Element der Dysphagietherapie. Und weil du sie nicht zweistündlich selbst durchführen kannst, ist die Schulung von Pflege und Angehörigen eine deiner wichtigsten Aufgaben.
Physiologie: Warum Mundpflege so wichtig ist
Ein gesunder Mensch produziert täglich 500 bis 1500 ml Speichel, schluckt ihn regelmäßig und reinigt damit Mundhöhle und Rachen kontinuierlich. Dieser Selbstreinigungsmechanismus ist bei Dysphagiepatienten gestört: reduzierte Schluckfrequenz, Mundatmung, Xerostomie, Immobilität und eingeschränkte Mundmotorik führen zu Sekretretention und erhöhter Keimbelastung.
Besonders relevant: Bei enteraler Ernährung entfällt der mechanische Reinigungseffekt des Kauens vollständig. Der Speichel verbleibt im Mund, trocknet ein, und die Keimbelastung steigt weiter. Mundpflege wird damit umso wichtiger, je weniger der Patient oral isst.
Durchführung der therapeutischen Mundpflege
Vorbereitung
Lagerung: Am besten am Waschbecken im Rollstuhl oder auf einem Stuhl sitzend. Wenn nicht möglich, aufrechte Position im Bett (≥ 60°). Flach liegend ist therapeutische Mundpflege nicht möglich – Aspirationsrisiko.
Kontaktaufnahme: Beginne an den Händen, führe über Arme, Schultern, Nacken und Hinterkopf zum Gesicht. Dieses Vorgehen bereitet den Patienten auf den Kontakt vor, reduziert Abwehrreflexe und Beißreflexe bei vigilanzgeminderten Patienten.
Material: Einmalhandschuhe, Zahnbürste, frisches Wasser, je nach Vigilanz Zahnpasta oder verdünntes Mundwasser (Salviathymol, milder Pfefferminztee), Kompressen 10×10 cm, Spuckschale oder leerer Becher.
Optional, aber empfehlenswert: Schwamm mit Absaugmöglichkeit, Zahnbürste mit Absaugmöglichkeit – besonders bei vigilanzgeminderten Patienten und bei Patienten mit schwerster Dysphagie.
Ablauf
Schritt 1 – Sekretentfernung: Kompressen oder Saugerschwamm in frisches Wasser tauchen und leicht ausdrücken – feucht, nicht tropfnass. Sekret aus der Mundhöhle mit ausstreichenden Bewegungen nach vorne wischen oder direkt absaugen. Wangentaschen, Zungengrund und Gaumen nicht vergessen.
Schritt 2 – Zahnpflege: Mit Zahnbürste (ggf. mit Zahnpasta bei kooperativen Patienten, sonst mit warmem Tee befeuchten) alle Zahnflächen und das Zahnfleisch mit Druck reinigen. Anschließend ausspucken lassen – wenn nicht möglich, Saugerzahnbürste oder Kompressenabwischen.
Schritt 3 – Zungenreinigung: Zunge mit feuchtem Schwamm oder Kompresse längs und quer reinigen. Verborkungen von posterior nach anterior herauswischen.
Schritt 4 – Lippenpflege: Lippen mit Kompressen reinigen, dann mit Fettcreme pflegen (Augensalbe, Nasensalbe oder Lippenbalsam). Bei sehr trockenen Lippen schuppt die Schleimhaut – konsequente Pflege ist entscheidend.
Therapeutische Zusatznutzen
Die Mundpflege ist nicht nur Hygiene, sondern auch sensorische Stimulation. Verschiedene Geschmacksrichtungen, Temperaturen und Texturen können gezielt eingesetzt werden: Patienten, die früher gern Kaffee getrunken haben, reagieren oft positiv auf intraoralen Kaffeegeschmack. Kamillentee, milder Pfefferminztee, leicht saure Reize – all das dient gleichzeitig der Stimulation oraler Sensibilität und der gustatorischen Aktivierung.
Häufigkeit
Alle zwei Stunden – das ist der evidenzbasierte Richtwert für hochrisikoinfekte Patienten in der Akutversorgung. Dreimal täglich ist für Pflegeheime und ambulante Settings als Minimum realistisch. Einmal täglich ist zu wenig.
Das setzt voraus, dass Pflege und Angehörige die Durchführung kennen und beherrschen. Deine Aufgabe: einmal gründlich zeigen, einmal beobachten während sie es durchführen, Rückfragen klären. Schriftliche Anleitungen (als Handout oder als Poster am Bett) helfen.
Hilfsmittel im Überblick
| Hilfsmittel | Einsatz |
| Schwamm mit Absaugmöglichkeit | Sekretentfernung und Befeuchten bei Patienten ohne aktive Mitarbeit |
| Zahnbürste mit Absaugmöglichkeit | Zahnreinigung bei Patienten, die nicht ausspucken können |
| Kompressen 10×10 cm | Sekretabwischen, Zungenreinigung, Lippenpflege |
| Amylaseresistente Andickungsmittel | Wenn Wasser für Mundpflege angepasst werden muss (Aspirationsrisiko) |
| Fettcreme / Augensalbe | Lippenpflege, Schleimhautpflege bei Xerostomie |
| Künstlicher Speichelersatz | Bei schwerer Xerostomie (nach Bestrahlung) zur Befeuchtung |
Mundpflege bei besonderen Patientengruppen
Bewusstseinsgeminderte Patienten: Kein Wasser oder Flüssigkeiten, die aspiriert werden können. Kompressen nur leicht angefeuchtet. Saugerschwamm bei Sekretmengen.
Tracheotomierte Patienten: Erhöhtes Risiko durch subglottische Sekretaspiration. Konsequente Mundpflege ist hier Standardversorgung. Absaugung des subglottischen Sekrets (wenn Trachealkanüle mit subglottischer Absaugmöglichkeit vorhanden) ergänzend sinnvoll.
Patienten mit Xerostomie (nach Bestrahlung): Fehlendem Speichelfilm durch regelmäßige Befeuchtung und künstlichen Speichelersatz begegnen. Kariesprophylaxe besonders wichtig.
Demenzkranke: Abwehr und Beißreflexe sind häufig. Langsame Kontaktaufnahme, bekannte Bezugspersonen wenn möglich. Weiche Silikonzahnbürsten reduzieren unangenehmen Stimulus.
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