Die pharyngeale Elektrostimulation (PES) stimuliert die Pharynxschleimhaut über eine transnasal eingeführte Elektrodensonde mit schwachen elektrischen Impulsen. Sie ist derzeit das gerätegestützte Verfahren in der Dysphagietherapie mit der belastbarsten Evidenz aus randomisierten kontrollierten Studien – insbesondere für tracheotomierte Patientinnen und Patienten mit schwerer neurogener Dysphagie nach Schlaganfall.
Wirkprinzip
PES zielt nicht auf Muskelkräftigung, sondern auf das zentrale Nervensystem. Die Stimulation aktiviert sensible Afferenzen im Pharynx und erhöht dadurch die Erregbarkeit der kortikobulbären Bahnen, die das Schlucken steuern. Die Hypothese: Wiederholter sensorischer Input fördert die kortikale Reorganisation des Schlucknetzwerks nach einer Hirnschädigung – ein neuroplastischer Mechanismus, kein peripherer Trainingseffekt.
Das System
Klinisch verfügbar ist PES über das System der Firma Phagenesis. Es besteht aus einem Katheter mit integrierten Ringelektroden und einer Steuereinheit. Der Katheter wird transnasal so platziert, dass die Elektroden im Oropharynx an der Schleimhaut anliegen. Die Stimulationsintensität wird für jede Patientin individuell anhand von Wahrnehmungs- und Toleranzschwelle titriert. Behandelt wird in kurzen Sitzungen an wenigen aufeinanderfolgenden Tagen nach Herstellerprotokoll.
Evidenz
Die stärkste Evidenz liefert die Studie PHAST-TRAC (Dziewas et al. 2018): Bei tracheotomierten Schlaganfallpatienten mit schwerer Dysphagie erreichten nach PES deutlich mehr Patientinnen die Dekanülierungsbereitschaft als nach Scheinstimulation. Die Dekanülierung wurde dabei endoskopisch mittels FEES beurteilt.
Die ESO/ESSD-Leitlinie zur Dysphagie nach Schlaganfall (Dziewas et al. 2021) nennt PES als Therapieoption für tracheotomierte Schlaganfallpatienten, um die Dekanülierung zu beschleunigen. Für nicht-tracheotomierte Patientinnen und für andere Krankheitsbilder ist die Datenlage weniger robust und teilweise widersprüchlich – hier ist PES keine Standardtherapie.
Indikation und Kontraindikationen
| Indikation | Kontraindikationen |
| Schwere neurogene Dysphagie nach Schlaganfall, besonders bei tracheotomierten Patienten | Herzschrittmacher oder implantierbare Defibrillatoren |
| Schwere Dysphagie nach anderen zentralen Läsionen, wenn konventionelle Therapie nicht ausreicht (Einzelfallentscheidung) | Aktive Epilepsie |
| Klare Indikationsstellung auf Basis eines FEES-Befundes | Bekannte Überempfindlichkeit gegen elektrische Stimulation; schwere Arrhythmien |
Zusätzlich gelten die Kontraindikationen einer transnasalen Sondierung sowie die Vorgaben des Herstellers.
Abgrenzung zur NMES
PES wird häufig mit der transkutanen NMES (z. B. VitalStim) verwechselt. Der Unterschied ist grundlegend: NMES stimuliert über Hautelektroden am Hals und zielt primär auf die Muskulatur; ihre Evidenz ist heterogen. PES stimuliert intraluminal die Pharynxschleimhaut und zielt auf zentrale Neuroplastizität. Die Ergebnisse der einen Methode lassen sich nicht auf die andere übertragen.
Praxistipps
- Zentrumsverfahren: PES gehört in spezialisierte Einrichtungen (Stroke Unit, neurologische Intensiv- und Frührehabilitation) mit Erfahrung in transnasaler Sondierung und FEES.
- FEES vor und nach: Ausgangsbefund und Verlaufskontrolle – etwa Speichelmanagement, Sensibilität und Aspirationsschwere – machen den Effekt erst beurteilbar.
- Kein Ersatz für Therapie: PES ist ein Baustein im Gesamtkonzept. Kanülenmanagement, Mundpflege und funktionelle Schlucktherapie laufen parallel weiter.
- Erwartungen steuern: Nicht jede Patientin spricht an. Dokumentiere Responder und Non-Responder sauber.
Zum klinischen Kontext tracheotomierter Patienten siehe Post-ICU-Dysphagie und Dysphagie nach Schlaganfall.
→ Mehr dazu: Restituierende Maßnahmen
