Deglutitiv (Adj., von lat. deglutire, „hinunterschlucken“) bedeutet „das Schlucken betreffend“. Das zugehörige Substantiv ist die Deglutition, der Schluckakt. In der Dysphagiediagnostik ist der Begriff vor allem in seinen drei Zusammensetzungen gebräuchlich: prädeglutitiv, intradeglutitiv und postdeglutitiv. Sie bilden die Zeitachse, auf der Befunde wie Penetration, Aspiration oder Residuen eingeordnet werden.
Die drei Zeitpunkte
Bezugspunkt ist der Beginn des unwillkürlichen (pharyngealen) Schluckablaufs – in der FEES erkennbar am White-out.
| Zeitpunkt | Definition | Typische Befunde | Häufige Mechanismen |
| Prädeglutitiv | Vor Einsetzen des unwillkürlichen Schluckablaufs | Leaking, Penetration/Aspiration vor dem Schluck | Reduzierte orale Boluskontrolle, verzögerter Schluckbeginn, reduzierte Sensibilität |
| Intradeglutitiv | Während des Schluckablaufs (in der FEES: White-out) | Penetration/Aspiration während des Schlucks | Unzureichender Larynxverschluss, eingeschränkte Larynxelevation, Koordinationsstörung |
| Postdeglutitiv | Nach Abschluss des Schluckablaufs | Residuen, Penetration/Aspiration durch Überlaufen von Residuen | Reduzierte Zungenbasisretraktion, Pharynxschwäche, eingeschränkte UES-Öffnung |
Warum die Zeitachse wichtig ist
Die Angabe „Aspiration“ allein sagt wenig über die Ursache. Erst der Zeitpunkt führt zum Pathomechanismus – und damit zur passenden Therapie: Prädeglutitive Aspiration spricht eher für Maßnahmen zur Boluskontrolle und Konsistenzanpassung, postdeglutitive eher für Reinigungsstrategien und die Arbeit an Zungenbasis, Pharynx und UES. Intradeglutitive Ereignisse sind in der FEES durch das White-out nicht direkt sichtbar und werden aus dem Befund unmittelbar danach erschlossen; bei unklarer Biomechanik ist die Videofluoroskopie aussagekräftiger.
Dokumentiere deshalb jedes Ereignis mit Zeitpunkt, Konsistenz, Bolusvolumen und Schutzreaktion – und graduiere Penetration und Aspiration zusätzlich mit der PAS (Rosenbek et al. 1996).
Sprachgebrauch und verwandte Begriffe
In der Literatur findest du auch die Formulierungen „vor, während und nach dem Schlucken“ (englisch: before, during, after the swallow). Die Grenzen sind in der Praxis nicht immer scharf – etwa wenn Material während des White-outs unbemerkt in den Larynx gelangt. Halte dich im Befund deshalb an eine einheitliche Definition und beschreibe Zweifelsfälle explizit. Verwandt ist die Deglutitionsapnoe, die schluckbedingte Atempause.
→ Mehr dazu: Pathologie bei einer FEES
