Schluckstörungen bei Kopf-Hals-Tumoren entstehen durch das Zusammenspiel von Tumor selbst, Operation und onkologischer Therapie. Die logopädische Versorgung erstreckt sich über den gesamten Behandlungsverlauf – von der Erstdiagnose bis in die langfristige Nachsorge.
Häufigkeit und Ursachen
Kopf-Hals-Karzinome – Larynx-, Hypopharynx-, Oropharynx-, Mundhöhlen- und Nasopharynxkarzinome – beeinträchtigen in nahezu allen Fällen die Schluck- funktion. Dysphagieraten von über 75 Prozent nach primärer Radiochemotherapie und annähernd 100 Prozent bei kombinierten Operationen mit Strahlentherapie sind in der Literatur gut belegt.
Tumorbedingte Dysphagie
Schon vor der Behandlung können Tumoren die Schluckfunktion beeinträchtigen: durch mechanische Verlegung von Pharynx oder Larynx, Infiltration der schluckrelevanten Muskulatur oder Schmerzen beim Schlucken (Odynophagie). In manchen Fällen ist die Dysphagie das Erstsymptom, das zur Diagnosestellung führt.
Postoperative Dysphagie
Zungenresektionen schränken oralen Transport und Zungenbasisretraktion ein. Larynxpartialresektionen reduzieren den laryngealen Atemwegsschutz. Pharynx- rekonstruktionen verändern Geometrie und Peristaltik. Narbenbedingte Einschränkungen der Larynxelevation können durch Neck-Dissection entstehen.
Strahlentherapie-assoziierte Dysphagie
Radiatio und Radiochemotherapie verursachen Mukositis, Xerostomie, fibrotische Umbauten der Schluckmuskulatur und Neuropathien der beteiligten Hirnnerven. Besonders relevant ist das Phänomen der Late-Effect-Dysphagia: Die strahlenbedingte Dysphagie kann sich auch Jahre nach Therapieabschluss verschlechtern. Die Kombination aus Xerostomie (erschwertes Bolusformen) und Fibrose (reduzierte Gewebemobilität) ist klinisch besonders belastend.
Diagnostisches Vorgehen
Die FEES ist bei dieser Patientengruppe besonders wertvoll: Sie erlaubt direkte Einblicke in die veränderten Strukturen und ist in spezialisierten Zentren fester Bestandteil der onkologischen Begleitung. Ein Baseline-Befund vor Therapiebeginn ist essenziell – nur so lassen sich therapiebedingte Veränderungen später differenziert einordnen.
Therapeutische Strategien
Präventives Training: Prophylaktische Schluckübungen vor und während der Bestrahlung halten die Schluckmuskulatur aktiv und reduzieren nachweislich die strahlenbedingte Fibrose und Atrophie. Der frühe Beginn vor der ersten Bestrahlungssitzung ist entscheidend.
Akutphase: Kostanpassung nach IDDSI, konsequente Mundpflege, künstliche Speichelersatzpräparate, ggf. nasogastrale Sonde oder PEG.
Rehabilitation: Restituierende Übungen zur Zungenmobilität, Mendelsohn-Manöver und Shaker-Übung bei eingeschränkter Larynxelevation, manuelle Therapie bei narbenbedingter Fibrose in Kooperation mit Physiotherapie.
Langfristige Nachsorge: Regelmäßige Verlaufsuntersuchungen – mindestens jährlich. Patienten dürfen nach der akuten Behandlungsphase nicht aus der logopädischen Versorgung entlassen werden.
