Videofluoroskopie des Schluckaktes

Die Videofluoroskopie (VFS, auch: Modified Barium Swallow Study, MBSS; Röntgen-Video-Schluckuntersuchung, VFES) ist das zweite große Standbein der instrumentellen Schluckdiagnostik. Sie ist Röntgenuntersuchung, Funktionsdiagnostik und Biomechanikstudie in einem – und liefert Information, die die FEES strukturell nicht geben kann.

Der entscheidende Vorteil: Die VFS zeigt alle Schluckphasen, einschließlich der oralen Phase, in Echtzeit und in der zeitlichen Gesamtabfolge. Sie zeigt die Larynxelevation als Bewegung, die UES-Öffnung in ihrer Weite, die Epiglottiskippung als Kinematik – und all das in einem einzigen Bild.

Verfahrensprinzip

Der Patient schluckt unter Röntgendurchleuchtung Kontrastmittel in verschiedenen Konsistenzen – in der Regel Bariumsulfat in standardisierten Volumina. Der gesamte Schluckvorgang wird als Videosequenz aufgezeichnet und anschließend frame-by-frame ausgewertet. Aufnahme standardmäßig in zwei Projektionsebenen: lateral (seitlich) und anterior-posterior.

Das Kontrastmittel macht den Bolus röntgendicht sichtbar – und damit auch jeden Tropfen, der in die Atemwege gelangt. Stille Aspiration ist in der VFS direkt erkennbar: Kontrastmittel unterhalb der Glottis, ohne Hustenreaktion.

Was die VFS zeigt

Orale Phase

Das ist der exklusive Vorteil der VFS gegenüber der FEES: Die orale Phase – Bolusformung, Zungenbewegung, Bolustransport, Leaking in den Pharynx – ist vollständig sichtbar. Bei Patienten mit oraler Dysphagie (Zungenatrophie bei ALS, Resektionsfolgen nach Tumorchirurgie, oropharyngeale Apraxie) liefert die VFS hier Informationen, die klinisch nicht zuverlässig einzuschätzen sind.

Pharyngeale Phase

Larynxelevation und Hyoidbewegung: direkt messbar, in Millisekunden. Epiglottiskippung: vollständig oder inkomplett. Pharynxperistaltik: Kontraktion der Konstriktoren sichtbar. UES-Öffnung: Weite und Dauer der Öffnung in Korrelation zur Larynxelevation. Residuen in Vallecula und Sinus piriformes: sichtbar als Kontrastmittelreste.

Ösophageale Phase

Bolustransit durch die Speiseröhre, ösophageale Peristaltik, UES-Schluss, gastraler Übergang. Das ist ein Bereich, der in der logopädischen FEES-Diagnostik nicht zugänglich ist – ösophageale Pathologien sind primär gastroenterologisch, aber die VFS liefert auch dazu Befunde.

FEES vs. VFS: Wann welches Verfahren?

FragestellungPräferenzBegründung
Orale Phase beurteilenVFSFEES kann oral nicht visualisieren
Biomechanik Larynxelevation/UESVFSKinematik in Echtzeit messbar
Krikopharyngeale DysfunktionVFS (+Manometrie)UES-Öffnungsweite direkt sichtbar
Speichelstatus / SpeichelaspirationFEESSpeichel nur endoskopisch sichtbar
Bettseitige UntersuchungFEESVFS nur im Röntgenraum möglich
Tracheotomierter PatientFEESFlexibler; Cuff-Status variierbar; bettseitig
ManöverevaluationBeide möglichFragestellung entscheidet; VFS zeigt Biomechanik
VerlaufskontrolleFEESKeine Strahlenbelastung; wiederholbar
SchwangereFEESVFS kontraindiziert

Setting und Durchführung

Die VFS erfordert einen Röntgenraum, eine medizinisch-technische Radiologieassistenz, den untersuchenden Therapeuten und in der Regel einen Arzt – eine bettseitige Durchführung ist nicht möglich. Der logistische Aufwand ist deutlich höher als bei der FEES.

Der Patient nimmt in der Regel in aufrechter Sitzposition Platz. Abhängig von der Fragestellung werden auch andere Positionen getestet – 45°-Reklination bei Verdacht auf Vallecularetention, Kopfdrehung als kompensatorisches Manöver. Konsistenzen und Volumina sind standardisiert: flüssig, angedickt (Level 1–3), pastös (Level 4), ggf. fest.

Die Fluoroskopiezeit ist begrenzt zu halten – nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Strahlenschutzgründen. Das setzt eine klare Fragestellung voraus, bevor die Untersuchung beginnt.

Strahlenbelastung

Die Strahlenbelastung einer VFS liegt je nach Protokoll und Fluoroskopiezeit im Bereich von einigen mSv – vergleichbar mit einer Thorax-CT, deutlich unter einer abdominalen CT. Sie ist für einzelne Untersuchungen gut akzeptabel, bei schwangeren Patientinnen jedoch kontraindiziert.

Wiederholungsuntersuchungen sind möglich und indikationsgerecht – also nicht pauschal, sondern wenn die klinische Fragestellung es begründet.