Standardisierte Scores erfüllen in der Dysphagiediagnostik drei Aufgaben: Sie quantifizieren, was du beobachtest (Penetration, Residuen, Speichelretention). Sie ermöglichen Vergleichbarkeit – zwischen Untersuchern, zwischen Zeitpunkten, zwischen Einrichtungen. Und sie liefern eine gemeinsame Sprache für das interdisziplinäre Team. Diese Seite fasst die wichtigsten Scores zusammen – mit Kontext und klinischer Einordnung, nicht nur als Tabelle.
Penetrations-Aspirations-Skala (PAS)
Die PAS (Rosenbek et al. 1996, deutsche Adaption Hey et al. 2014) ist der Standardscore zur Graduierung von Penetrations- und Aspirationsereignissen in FEES und VFS. Acht Stufen, von „kein Materialeintritt“ bis „stille Aspiration ohne jede Reaktion“.
| Score | Ereignis | Klinische Einordnung |
|---|---|---|
| 1 | Material penetriert nicht in den Larynx | Normal |
| 2 | Penetration; oberhalb Glottis; wird abgeräumt | Leichte Penetration; gutes Clearance-Verhalten |
| 3 | Penetration; oberhalb Glottis; wird nicht abgeräumt | Eingeschränkte Clearance; erhöhtes Risiko |
| 4 | Penetration auf Stimmlippen; wird abgeräumt | Glottis erreicht; Clearance noch vorhanden |
| 5 | Penetration auf Stimmlippen; wird nicht abgeräumt | Höheres Risiko; eingeschränkte Reaktion |
| 6 | Aspiration; Material aus Trachea entfernt | Aspiration mit Schutzreaktion (reaktiv) |
| 7 | Aspiration; trotz Bemühen nicht entfernt | Aspiration; Clearance eingeschränkt |
| 8 | Aspiration; kein Bemühen zur Entfernung | Stille Aspiration – höchste klinische Gefahr |
Wichtig: PAS-Scores werden für jede Konsistenz und jedes Volumen separat angegeben, nicht als Gesamtscore. „Der Patient hat PAS 6 für Flüssigkeiten und PAS 2 für Breiiges“ ist klinisch relevant – ein Gesamtscore wäre eine unzulässige Vereinfachung.
Murray-Sekretbewertungsskala
Die Murray-Skala (Murray et al. 1996, Pluschinski et al. 2014) bewertet die Speichelretention im Hypopharynx als Ruhebefund vor dem ersten Schluckversuch. Sie ist FEES-exklusiv – VFS kann Speichel nicht darstellen. Ausführlich: Sekretskala nach Murray.
| Score | Beschreibung |
|---|---|
| 0 | Keine oder nur transiente Blasen in Vallecula oder Sinus piriformes – unilateral, nicht tief gestaut. Normwertig. |
| 1 | Sichtbare Sekrete bilateral oder tief gestaut, perilaryngeal. Erhöhtes Risiko im Alltag. |
| 2 | Status wechselt im Beobachtungszeitraum zwischen Score 1 und 3. |
| 3 | Sekrete im Aditus laryngis oder subglottisch. Pulmonale Sekrete nicht abräumbar. Höchstes Risiko. |
Murray-Glottisschlussskala
Diese Skala (Murray et al.; siehe Luftanhalteskala nach Murray) bewertet die Qualität des laryngealen Atemanhaltemanövers – ein Maß für die Fähigkeit zum voluntären Glottisschluss, relevant für Manöver wie das supraglottische Schlucken.
| Score | Beschreibung |
|---|---|
| 0 | Kein Atemanhalten |
| 1 | Kurzes Atemanhalten mit offener Glottis |
| 2 | Anhaltendes Atemanhalten mit offener Glottis |
| 3 | Kurzer Stimmlippenschluss |
| 4 | Anhaltender Stimmlippenschluss |
| 5 | Kurzer Stimmlippen- und Taschenfaltenschluss |
| 6 | Anhaltender Stimmlippen- und Taschenfaltenschluss |
Functional Oral Intake Scale (FOIS)
Die FOIS (Crary et al. 2005) bewertet die tatsächliche orale Nahrungsaufnahme auf einer siebenstufigen Skala. Sie ist kein Befundscore, sondern ein Outcome-Maß – geeignet für Verlaufsdokumentation und Zielbeschreibung.
| Level | Beschreibung |
|---|---|
| 1 | Keine orale Kost (NPO) |
| 2 | Enterale Ernährung + minimale orale Versuche |
| 3 | Enterale Ernährung + ergänzende orale Aufnahme |
| 4 | Ausschließlich oral in einer einheitlichen Konsistenz |
| 5 | Oral, verschiedene Konsistenzen mit Kompensation und/oder Einschränkungen |
| 6 | Oral, verschiedene Konsistenzen mit Einschränkungen ohne Kompensation |
| 7 | Vollständige orale Ernährung ohne Einschränkungen |
FEDSS – Fiberoptic Endoscopic Dysphagia Severity Scale
Der FEDSS (Warnecke 2009, auch: Münsteraner Dysphagie-Score) ist ein FEES-basierter Score, der auf Basis des endoskopischen Befundes eine Ernährungsempfehlung generiert. Er ist besonders für die Schlaganfall-Akutphase entwickelt und verbreitet.
| Score | Empfehlung |
|---|---|
| 1 | Keine Dysphagie – normale orale Kost |
| 2 | Angepasste Kost; Flüssigkeiten ggf. andicken |
| 3 | Homogene Kost; keine Flüssigkeiten oral |
| 4 | Ausschließlich orale Versuche unter logopädischer Aufsicht |
| 5 | Keine orale Ernährung |
| 6 | Schwere Dysphagie – Schutzintubation erwägen |
Bogenhausener Dysphagiescore (BODS)
Der BODS (Bartolome & Schröter-Morasch 2005) ist an der ICF orientiert und bewertet die Auswirkungen der Dysphagie auf Aktivität und Partizipation. Er setzt sich aus zwei Teilscores zusammen: BODS I (Speichelschlucken; ggf. mit Trachealkanüle) und BODS II (Nahrungsaufnahme nach Menge, die sicher geschluckt werden kann). Nachfolger des BODS ist der Munich Swallowing Score (MUCSS) mit den Subskalen Speichel und Ernährung (Bartolome et al. 2021).
Der BODS ist kein Befundinstrument, sondern ein Verlaufs- und Kommunikationsscore. Er liefert Aussagen wie: „Der Patient kann unter Aufsicht und mit angepasster Konsistenz eine kleine Mahlzeit zu sich nehmen“ – das ist ICF-konform und für das interdisziplinäre Team verständlich. Für rein klinische Therapieentscheidungen ist er weniger geeignet.
EAT-10
Der EAT-10 (Belafsky et al. 2008) ist ein validiertes Selbstauskunft-Instrument aus Patientenperspektive. Zehn Items, je 0–4 Punkte, Gesamtpunktzahl ≥ 3 gilt als auffällig.
Er erfasst, wie der Patient seine Schluckprobleme wahrnimmt und wie sehr sie seine Lebensqualität beeinflussen. Der EAT-10 ist kein Ersatz für diagnostische Untersuchungen. Er ist ein niedrigschwelliges Screening, das Hinweise gibt und das Gespräch über Schluckprobleme öffnet. Vorsicht bei Patientengruppen mit eingeschränkter Selbstwahrnehmung – etwa bei Parkinson oder Demenz: Hier unterschätzt eine Selbstauskunft die Schluckstörung häufig, und ein unauffälliger EAT-10 schließt weder eine Dysphagie noch eine stille Aspiration aus.
SSA – Standardized Swallowing Assessment
Der SSA (Perry 2001) ist ein klinisches Bedside-Screening zur Beurteilung des Schluckvermögens, das ohne instrumentelle Diagnostik durchgeführt werden kann. Er ist besonders in der akutneurologischen Versorgung nach Schlaganfall etabliert.
Das Screening gliedert sich in drei Stufen:
Stufe 1 – Klinische Voruntersuchung: Bewusstseinslage, Kopf- und Rumpfkontrolle, Lippenschluss, Zungenbeweglichkeit, Stimmqualität, willkürlicher Husten. Zeigt die Voruntersuchung eine ausreichende Vigilanz und keine hochgradigen motorischen Defizite, wird die zweite Stufe eingeleitet.
Stufe 2 – Wassertest (5 ml): Drei Teelöffel à 5 ml Wasser werden gereicht. Husten, Stimmveränderung oder verzögerte Reaktion nach dem Schluck gelten als Abbruchkriterien.
Stufe 3 – Wassertest (60 ml): Bei unauffälligem Teelöffelversuch wird ein 60-ml-Wassertest durchgeführt. Bewertet werden Schluckzeit, Schluckanzahl und Stimmqualität danach.
Klinische Einordnung: Der SSA ist als Screening-Instrument konzipiert, nicht als Diagnose-Instrument. Ein unauffälliger SSA schließt eine stille Aspiration nicht aus. Das positive Ergebnis eines SSA ist Indikation für eine weiterführende instrumentelle Diagnostik – nicht deren Ersatz. Für den logopädischen Kontext gilt: Der SSA ist ein Pflegescreening, das zur logopädischen Einschätzung führt, sie aber nicht ersetzt.
Als Poster zum Download findest du diese Übersicht mit weiteren Scores auf madoo.net.
