Pathologie bei einer FEES

Das Störungsmuster, das du in der FEES siehst, ist kein Zufallsbefund – es ist ein Spiegel der Pathophysiologie. Die Lokalisation von Residuen, der Zeitpunkt von Penetrations- und Aspirationsereignissen, der Speichelstatus – all das gibt dir Hypothesen über die Ursache der Dysphagie, die du dann therapeutisch übersetzen kannst. Diese Seite ist eine klinische Referenz für die häufigsten FEES-Befunde und ihre Einordnung.

Prädeglutitive Störungen

Prädeglutitive Befunde entstehen vor Einleitung des unwillkürlichen Schluckablaufs. Sie machen etwa 25 % der Störungsschwerpunkte aus.

Leaking

Leaking bezeichnet den vorzeitigen Bolusfluss aus dem Mundraum in den Pharynx, bevor der unwillkürliche Schluckablauf eingeleitet wird. In der FEES siehst du, wie die Testkost in den Pharynx gleitet – und du kannst beurteilen, wie weit und wohin.

Die Risikoabstufung richtet sich nach dem Ausmaß des Leckens:

  • Geringes Risiko: Bolus erreicht die Vallecula, bleibt dort, wird dann mit dem Schluckakt abgeräumt.
  • Mittleres Risiko: Bolus fließt bis in die Sinus piriformes, noch kein Kontakt mit Aditus laryngis.
  • Hohes Risiko: Bolus erreicht prädeglutitiv die Aryknorpel oder tritt in den Larynx ein (prädeglutitive Penetration oder Aspiration) – besonders gefährlich bei reduzierter laryngealer Sensibilität.

Ursachen: gestörte orale Boluskontrolle, reduzierter Lippenschluss, Zungenschwäche, Schluckapraxie (Patient leitet den Schluckakt nicht ein), Vigilanzminderung.

Speichelaspiration

Wenn du beim Ruheblick der FEES bereits Speichel auf den Stimmlippen oder subglottisch siehst – ohne dass bisher etwas geschluckt wurde – dann hat der Patient in den letzten Minuten oder Stunden aspiriert. Ohne Husten. Das ist stille Aspiration aus dem Speichelfluss. Bei Parkinson-Patienten, bei tracheotomierten Patienten und bei schwerer neurologischer Schädigung ist das kein seltener Befund.

Intradeglutitive Störungen

Intradeglutitiv – also während des White-out – sind direkte Beobachtungen nicht möglich. Aber: Was unmittelbar nach dem White-out sichtbar ist, erlaubt zuverlässige Rückschlüsse.

Ist prädeglutitiv kein Material im Larynx, findet sich aber direkt nach dem White-out Bolus auf den Stimmlippen oder darunter (erkennbar im engen Close-up): intradeglutitive Penetration oder Aspiration.

Intradeglutitive Störungen machen ca. 10 % der Störungsschwerpunkte aus. Ursachen: schwache Pharynxmuskulatur, eingeschränkte Larynxelevation, Koordinationsstörung, Vigilanzminderung. Wenn du hier konsistent Aspiration siehst und die FEES keine ausreichende Klärung der Biomechanik liefert, ist die VFS das nächste Instrument.

Postdeglutitive Störungen

Postdeglutitive Befunde sind der häufigste Störungsschwerpunkt – etwa 65 % der Dysphagien haben ihren Schwerpunkt hier. Residuen, also postdeglutitiv verbliebene Bolusreste, sind in der FEES direkt sichtbar und in ihrer Lokalisation diagnostisch bedeutsam.

Residuenlokalisation und Pathophysiologie

LokalisationPathophysiologieTherapeutische Konsequenz
ValleculaZungenbasisretraktion ↓ Epiglottisinversion ↓Zungenkräftigung, Masako, Chin Tuck Against Resistance, Doppelschluck
Sinus piriformesUES-Öffnung ↓ Pharynxkontraktion ↓Mendelsohn-Manöver, Shaker-Übung, ggf. interdisziplinär Botox UES oder Dilatation
PharynxhinterwandPharynxkontraktion ↓Shaker, effortful swallow, Kopfneigung zur stärkeren Seite
Laryngeale EpiglottisLarynxelevation ↓ Zungenbasisretraktion ↓CTAR, Mendelsohn-Manöver, supraglottisches Schlucken
Aryknorpel-RegionAryknorpel-Vorwärtsbewegung ↓ Larynxelevation ↓Larynxelevation restituieren; kompensatorische Schluckhaltung
NasopharynxVelopharyngealer Verschluss ↓Gaumenübungen, CPAP-gestützte Therapie, Obturatorversorgung

Residuenmenge und klinische Bedeutung

Nicht jede Residue ist gleich gefährlich. Entscheidend ist: Wie viel bleibt? Wo liegt es? Räumt der Patient es beim Nachschlucken ab? Und – am wichtigsten – aspiriert der Patient postdeglutitiv aus den Residuen?

Kleine Residuen in der Vallecula, die mit einem Nachschluck komplett abgeräumt werden, sind klinisch anders zu bewerten als große Residuen in beiden Sinus piriformes, die trotz Reinigungsmanövern bestehen bleiben und von dort in den Larynx laufen.

Penetration und Aspiration nach Schlucken

Postdeglutitive Penetration oder Aspiration entsteht durch Überlaufen von Residuen. Wenn ausreichend Material in den Sinus piriformes angesammelt ist, läuft es über den Aditus laryngis in den Larynx. Das passiert oft still – kein Husten, keine Reaktion.

Die PAS-Skala (Rosenbek 1996, deutsche Adaption Hey 2014) ist das Standardinstrument zur Graduierung: Stufen 1–2 = kein relevanter Eintritt, Stufen 3–5 = Penetration, Stufen 6–8 = Aspiration. Stufe 8 = stille Aspiration ohne jede Schutzreaktion.

Speichelstatus und Murray-Skala

Die Murray-Sekretbewertungsskala (Murray 1999, Pluschinski 2014) bewertet die Speichelretention im Hypopharynx als Ruhebefund – also bevor der erste Schluckversuch stattfindet. Das ist eine der klinisch wichtigsten Informationen, die die FEES liefert, weil sie direkt auf das Spontanschluckverhalten im Alltag schließen lässt.

  • Score 0: Kein oder minimaler Speichel – normwertig.
  • Score 1: Sichtbare Sekrete bilateral oder tief gestaut, aber perilaryngeal. Mäßig erhöhtes Risiko.
  • Score 2: Veränderlicher Status (zwischen 1 und 3 wechselnd) im Beobachtungszeitraum.
  • Score 3: Sekrete im Aditus laryngis oder darunter – pulmonale Sekrete, die nicht abgereinigt werden. Höchstes Risiko.