Die FEES (Fiberoptic Endoscopic Evaluation of Swallowing) ist die endoskopische Schluckuntersuchung mit flexiblem Nasopharyngoskop. Sie ist bettseitig durchführbar, strahlenbelastungsfrei, wiederholbar und liefert direkte Einblicke in das, was in Pharynx und Larynx passiert – vor, während und nach dem Schlucken. Sie ist das am häufigsten eingesetzte instrumentelle Verfahren in der Dysphagiediagnostik im deutschsprachigen Raum und in der Akutmedizin das Mittel der Wahl.
Verfahrensprinzip
Ein flexibles Nasopharyngoskop wird transnasal eingeführt und im Hypopharynx positioniert – so dass Pharynx, Larynx und der Aditus laryngis vollständig sichtbar sind. Von dieser Position aus wird zunächst eine Ruhebeurteilung vorgenommen, dann der Schluckakt mit verschiedenen Konsistenzen beobachtet.
Das Endoskop wird nicht durch den Mund eingeführt. Die Passage durch die Nase ist unangenehm, aber schnell und ohne relevante Komplikationen bei korrekter Technik. Eine topische Betäubung der Nasenschleimhaut ist möglich, aber nicht immer erforderlich – und beeinflusst die pharyngeale Sensibilität, was bei der Befundinterpretation zu bedenken ist.
Was die FEES zeigt – und was nicht
Vor dem Schlucken (prädeglutitiv)
Bereits vor jedem Schluckversuch liefert die FEES wichtige Informationen:
- Speichelstatus (Murray-Skala): Wie viel Speichel liegt wo? Speichelretention in Vallecula oder Sinus piriformes, Speichel am Aditus laryngis oder auf den Stimmlippen. Das ist ein direkter Hinweis auf Schlucksicherheit und -frequenz im Alltag – Speichel wird ununterbrochen produziert, ein Patient mit eingeschränkter Speichelclearance aspiriert nicht nur beim Essen.
- Strukturbefund: Stimmlippenmobilität, Symmetrie des Larynx, Ödem, Granulome, Narbengewebe, Tumorreste, velopharyngealer Verschluss bei Phonation.
- Leaking: Vorzeitiger Bolusfluss in den Pharynx, bevor der unwillkürliche Schluckablauf eingeleitet ist. Prädeglutitive Penetration oder Aspiration aus Leaking ist besonders bei schwerer Hypotonie oder Apraxie zu beobachten.
Während des Schluckens (intradeglutitiv)
Während der eigentlichen pharyngealen Phase – dem White-out – ist die direkte Sicht durch das Anheben des Gaumensegels unterbrochen: Es drückt die Optik gegen die Pharynxhinterwand. Diese Phase ist also nicht direkt einsehbar.
Das bedeutet nicht, dass du blind bist. Unmittelbar nach dem White-out sichtbare Befunde erlauben zuverlässige Rückschlüsse auf intradeglutitive Ereignisse: Material auf den Stimmlippen oder subglottisch, das prädeglutitiv nicht dort war, muss intradeglutitiv dorthin gelangt sein. Diese indirekten Hinweise sind in der Praxis ausreichend – bei spezifischen Fragestellungen zur intradeglutitiven Biomechanik ergänzt die VFS.
Nach dem Schlucken (postdeglutitiv)
Der postdeglutitive Befund ist der klinisch informationsreichste Zeitpunkt der FEES. Residuen – Bolusreste im Pharynx nach abgeschlossenem Schluckvorgang – sind in ihrer Lokalisation diagnostisch hochwertig:
| Lokalisation | Pathophysiologie | Klinische Konsequenz |
| Vallecula | Zungenbasisretraktion ↓, Epiglottisinversion ↓ | Doppelschluck oft wirksam; Zungenkräftigung |
| Sinus piriformes | UES-Öffnung ↓, Pharynxkontraktion ↓ | Mendelsohn-Manöver; ggf. Botox UES oder Dilatation |
| Pharynxhinterwand | Pharynxkontraktion ↓ | Shaker-Übung, Masako-Manöver |
| Laryngeale Epiglottis | Larynxelevation ↓, Zungenbasisretraktion ↓ | Mendelsohn-Manöver, Chin Tuck Against Resistance (CTAR) |
| Nasopharynx | Velopharyngealer Verschluss ↓ | Gaumensegelübungen; Biofeedback |
| Auf den Stimmlippen | Penetration, Aspiration | PAS-Score 3–8; hohe Priorität |
Was die FEES nicht zeigen kann
- Orale Phase: Zungenbewegung, Bolusformung, Leaking vor Eintritt in den Pharynx – das ist ausschließlich in der VFS sichtbar.
- Exakte Larynxelevation und Hyoidbewegung: Die Biomechanik der Larynxelevation ist in der VFS direkt messbar, in der FEES nur indirekt einschätzbar.
- UES-Öffnung quantitativ: Die FEES zeigt Residuen in den Sinus piriformes als Hinweis auf eine UES-Pathologie – aber die exakte Öffnungsweite und den Druckgradienten liefert nur die Manometrie.
- Intradeglutitive Phase direkt: White-out als systematische Einschränkung.
Ablauf einer FEES






- Aufklärung des Patienten, ggf. Einwilligung (je nach hausinternem Standard).
- Ruhebeurteilung: Strukturen, Symmetrie, Speichelstatus, Stimmlippenmobilität, Sensibilitätsprüfung (FEES-LST wenn möglich).
- Funktionsprüfung: Phonation (velopharyngealer Verschluss), Glottisschluss (Murray-Glottisschluss-Skala).
- Schluckversuche mit steigenden Konsistenzen und Volumina – in der Regel: breiig, flüssig, ggf. fest.
- Überprüfung kompensatorischer Strategien (Kopfdrehung, Chin Tuck, Doppelschluck etc.).
- Abschlussbeurteilung, Befundung, Empfehlung.
Die Untersuchung wird vollständig auf Video dokumentiert. Befundung nach Video ist Standard – nicht nach Erinnerung.
Vor- und Nachteile im Überblick
| Vorteile FEES | Nachteile FEES |
| Bettseitig durchführbar | Orale Phase nicht sichtbar |
| Keine Strahlenbelastung | Intradeglutitive Phase durch White-out unterbrochen |
| Speichelstatus direkt beurteilbar | Quantitative Aspirationsmenge schwer einschätzbar |
| Sensibilitätsprüfung möglich (FEES-LST) | Okkasionell Vasovagale Reaktion bei der Einführung |
| Wiederholbar ohne kumulative Strahlenbelastung | Abhängig von Patientenkooperation (Nasendurchgängigkeit) |
| Strukturbefund in Ruhe sichtbar | Erfahrungsabhängige Interpretation |
| Lange Untersuchungszeit möglich |
